"Es ist jemand da drinnen...."

 

Prä-Therapie

 

von Garry Prouty

Foto von Johanna
Foto von Johanna

"In seinen Workshops beschreibt Prouty immer wieder sehr eindrucksvoll, wie sein geistig behinderter und ansonsten nicht sehr kommunikativer Bruder Bobby, zu Garrys großem Erstaunen, einmal unerwartet aus sich heraus ging. Als Garry mit einem Freund darüber sprach, ob sein Bruder ihn wohl verstehen könne, sagte dieser plötzlich: "Du weißt, dass ich dich verstehe, Garry!", um dann wieder in seine Verschlossenheit zurück zu versinken. In seiner späteren Arbeit mit geistig behinderten und psychisch kranken Menschen wurde er darin erinnert, und er verstand: "There is somebody in there" - Da drinnen ist jemand…" (Zinschitz, 2001, S. 45).

 

Dieses "Erlebnis mit seinem Bruder" hatte Garry Prouty (* 1936) als Kind.

 

Es hat seine Einstellung gegenüber behinderten Menschen für immer verändert.

 

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Nach Rogers ist der psychologische Kontakt Voraussetzung für die Therapie.

 

Zielsetzung der Prä-Therapie ist die Herstellung und Verbesserung der Kontaktfähigkeit, d. h.auch des Realitätsbezuges, des affektiver Kontaktes sowie der verbalen Kommunikation bei schizophrenen, autistischen und entwicklungsbehinderten Klienten.

  

 

1.Existentiell phänomenologische Grundlagen:

 

 

 

* Strukturen des Bewusstseins:

 

Das gewöhnliche, alltägliche, natürliche Bewusstsein wird verstanden als „kommend von, gerichtet auf, verbunden mit Welt, Selbst und Anderen“.

 

Diese Polaritäten sind unser Eingebundensein im Sein, die erhellenden Gegebenheiten der Existenz und das Drama unserer Sinngebung.

 

 

 

* Konkrete Phänomenologie in der Prä-Therapie:

 

Bewusstsein: das, was auf das Konkrete hinweist, auf die Dimension unserer erlebten Erfahrung im Hier und Jetzt.

 

 

 

Das bedeutet:

 

* „Als es Selbst“ (Dieses Phänomen erscheint in einer natürlichen, nicht symbolisierten, auf sich selbst verweisende Form).

 

*  Konkret: wie z. B.: die Wahrnehmung von Klienten mit Hirnschädigung, die ausschließlich an konkrete Reize gebunden ist und keine „Schattierung“ zulässt.

 

 

 

 

 

2. Psychologische Theorie:

 

 

 

Der psychologische Kontakt bei kontakt-beeinträchtigten Klienten muss erst wiederhergestellt und entwickelt werden.

 

 

 

Kontaktreflexionen

 

Kontaktreflexionen sind konkrete, genau zu benennende Reaktionen des Therapeuten. Ihre empathische Qualität ist auf die erahnte Präsenz des "prä-expressiven Selbst" der Klientinnen ausgerichtet.

 

* Situationsreflexion:

 

Kontakt mit der Realität fördern durch Reflexion dessen, was gerade da ist, z. B. "Wir befinden uns hier im Garten und die Sonne scheint", etc.

 

* Gesichtsausdrucksreflexion:

 

Latente, prä-expressive Affekte reflektieren, um einen affektiven Kontakt zu entwickeln, z. B. "Sie schauen traurig aus".

 

* Wort für Wort Reflexion:

 

Sie dient der Kontaktherstellung. Das Verstehen der Bedeutung durch den Therapeuten ist nicht unbedingt notwendig, wichtig ist die Empathie für das expressive Bemühen der Klientinnen.

 

* Körperhaltungsreflexion:

 

Wiedergeben der Körperhaltung: Empathische Reaktionen mit dem eigenen Körper (des Therapeuten) oder verbal fördern die Ausdrucksweise der Klientinnen bis zum Verbalen.

 

* Wieder aufgreifende Reflexion:

 

Wiederholung einer bestimmten Reflexion, die eine Reaktion hervorrief, mit dem Ziel, den Kontakt zu erneuern.

 

 

 

 Kontaktfunktionen

 

Die Wiederherstellung oder die Entwicklung der Kontaktfunktionen ist das Ziel der Prä-Therapie. Sie werden mit Hilfe der beschriebenen Reflexionen hergestellt.

 

  • Realitätskontakt: Gewahrwerden von Menschen, Orten, Dingen und Ereignissen.
  • Affektiver Kontakt: Gewahrwerden von Stimmungen, Gefühlen und Emotionen.
  • Kommunikativer Kontakt: Symbolisierung der Welt, des Selbst, für Andere.

Kontaktverhalten

 

Die Entwicklung der Kontaktfunktionen, die zu Verhaltensveränderungen führen, können für Forschungszwecke gemessen werden. In (Vergleichs-)Studien wurden die drei Dimensionen Realität, Affekt und Kommunikation untersucht. Es zeigten sich signifikante Unterschiede nach der Therapie, wie: mehr Gesichts- und Körperausdruck, Augenkontakt; häufigere Verbalisierung von Menschen, Orten, Dingen, Ereignissen; Verwenden von Wörtern, die Gefühle ausdrücken (Prouty, 1990; De Vre, 1992; Dinacci, 1997; zit. nach Prouty, 2002, S. 506).

 

Diese Erfahrung habe ich auch bei meiner therapeutischen Begleitung gemacht.

 

In meiner Begleitung von behinderten, schizophrenen und dementen Klientinnen "erweitere" ich prä-therapeutische verbale Kontaktreflexionen durch "tätige Kommunikation" unter Einbeziehen von Spielen; Tätigkeiten in der Natur; Betrachten von Bilderbüchern, Fotos, Bildern, Schmuckstücken, Landkarten, Briefen; Lesen von Gedichten und Hören von Musikstücken etc.

 

Prä-expressives Selbst

 

Prouty nimmt bei geistig behinderten, dementen oder psychotischen Menschen die Existenz eines prä-expressiven Selbst an, das er wie folgt definiert:

 

"Das prä-expressive Selbst ist ein heuristischer Begriff, der in erster Linie auf empirischen und klinischen Studien zur Prä-Therapie beruht. Es ist ein Konstrukt, das die gewonnenen Erkenntnisse ordnet und erklärt und daher eine wichtige Grundlage für das Verständnis des prä-therapeutischen Prozesses und der Ausdrucksstruktur regressiver Phänomene ist. Prouty (1997; zit. nach Prouty et al., 1998, S.39) beschreibt das prä-expressive Selbst als metapsychologisches Konzept, das eine Neigung bezeichnet, Erleben zum Ausdruck zu bringen, das erst noch integriert werden muss. Diese Neigung kann als ein Aspekt der Selbstbestimmungstendenz (Rogers, 1978) betrachtet werden".

 

"Das Bild, das sich aus der prä-expressiven Sichtweise ergibt, enthält eine Ahnung eines "vergrabenen Selbst", das Bedeutung und Realität in einer andersartigen semiotischen Struktur zum Ausdruck bringt und das durch "primitive Reflexionen" (im Sinne der Prä-Therapie) verarbeitet werden kann" (Prouty, 2002, S. 508).

 

Es ist augenscheinlich davon auszugehen, dass Menschen, die ihr Erleben aufgrund geistiger Behinderung, Demenz oder psychotischer Bewusstseinszustände nicht oder nur "unvollständig" zum Ausdruck bringen können, dieses auch gleichsam in ihrem Inneren (Bewusstsein, Gewahrsein) nicht "selbstverständlich" oder nur in einer fragmentierten, "uns" fremden Weise zur Verfügung haben, sich sozusagen auch in ihrem Erleben in einem prä-expressiven, vorsprachlichen Zustand befinden.

 

Prouty machte die Erfahrung, dass die behinderten Menschen, die offensichtlich ihr Erleben "nicht" zum Ausdruck bringen können, letztlich doch über diese Fähigkeit verfügen können.

 

Durch die bereits beschriebenen Kontaktreflexionen und im Vertrauen auf die Selbstaktualisierungstendenz (© C.Rogers) kommt die Therapeutin dem Bemühen der Klientinnen, von einem prä-expressiven in einen expressiven Zustand zu gelangen, entgegen.

Foto von Johanna
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Arbeit mit geistig behinderten Menschen

 

Marlis Pörtner

 

 

 

Die Konzepte wurden an der psychiatrischen Klinik Sint-Camillus in Gent (Belgien) entwickelt.

 

 

 

Verhaltensauffälligkeiten von geistig behinderten Menschen sind nicht ausschließlich auf hirnorganische Effekte zurückzuführen, sondern oft auch durch ungünstige Lebensumstände verursacht (Hospitalisierung, Verlassensein, Anpassungsdruck, Verweigerung der Selbstbestimmung etc......).

 

Aggressionen, Unsicherheiten, Schuldgefühle sind die Folge. 

 

Wichtig für die Therapie ist es, geistig behinderte Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, ihnen Entwicklungsschritte einzuräumen, darauf zu achten, wo sich solche anbahnen und sie einfühlend zu unterstützen und zu fördern.

 

Personenzentrierte Therapie versteht sich als „Öffnen von Räumen“ und Entdecken von Ressourcen.

 

 

 

Schwierigkeiten: 

 

*Freiwilligkeit beachten (Als Therapeut nicht "Erfüller" der Bezugsperson/des Sachwalters werden).

 

*Sprachlosigkeit, langsame Sprechweise, veränderter Rhythmus – langsam, sprunghaft...

 

Das therapeutische Setting ist individuell diesen Gegebenheiten anzupassen.

 

Wichtig ist ein „Weg der kleinen Schritte“. Der Weg ist so wichtig wie das Ziel.

 

Ressourcen, nicht Defizite sind entscheidend.

 

 

 

Schwerpunkte im therapeutischen Prozess:

 

* Ziele:

 

besseres Selbstwertgefühl (annehmende, versöhnliche Haltung des Klienten zu sich selbst, Zutrauen entwickeln, Grenzen erkennen).

Kontaktfunktionen wieder herstellen und festigen.

 

 

* Zusammenarbeit mit Bezugspersonen:

 

Unterstützung für die Übertragung des Erlebten in der Stunde in den Alltag. Den Bezugspersonen beratend beistehen, aber auch wichtige Informationen von den Bezugspersonen einholen. Respekt und Einfühlung, Beachtung von Rahmenbedingungen sind besonders wichtig.

Verstehen von sich anbahnenden Entwicklungen (können anfangs von Bezugspersonen als störend erlebt werden).

Wahrnehmen der Veränderung.

Informationsfluss über Probleme und Konflikte (Präsenzverlust geistig behinderter Menschen nach einigen Tagen).

Trotzdem besonders wichtig im Erfahrungsaustausch: Vertraulichkeit wahren, keine Inhalte preisgeben.

Den Klienten davon informieren.

Der  personzentrierte Ansatz im Alltag von Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung: 

 

„Das Wichtigste geschieht außerhalb der Therapie“ 

 

Qualität des Erlebens hat zentrale Bedeutung: Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen als Konzept.

Elemente, welche die Entwicklung zur Eigenständigkeit fördern, beachten. Fördern – nicht Überfordern!!

Auf Gleichgewicht zwischen Rahmen und Spielraum achten.

Stützen des selbständigen Handelns- Autonomiebedürfnis beachten – Machtkämpfe vermeiden.

Kleine Schritte im Alltag beachten und den individuellen Rhythmus der behinderten Menschen berücksichtigen. Durch das Tempo der „Normalen“ fühlen sie sich oft überfordert und überspielen das. Als Therapeutin musste ich quasi in "Zeitlupe" fühlen und handeln lernen.

Einfühlen, hinschauen (quasi „mit der Lupe“) und genau hinhören, um Bedürfnisse zu erkennen und die oft feinen, leisen und kaum wahrnehmbaren Reaktionen wahrzunehmen (schöpferische Phantasie).

Bedingungen schaffen, in welchen Menschen Entwicklungsschritte machen können, nicht müssen.

Foto von Johanna
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Literatur:

 

Keil, W. W. & Stumm, G. (Hrsg.). (2002). Die vielen Gesichter der Personzentrierten Psychotherapie. Wien, New York: Springer. 

 

Pörtner, M. (2002). Der Personzentrierte Ansatz in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen. In W.W. Keil & G. Stumm (Hrsg.), Die vielen Gesichter der personzentrierten Psychotherapie (S. 513-532). Wien - New York: Springer.

 

Prouty G, Van Werde D. & Pörtner M. (1998). Prä-Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

Prouty, G. (2002). Prä-Therapie: Eine Einführung in die Philosophie und Theorie. In W.W. Keil & G. Stumm (Hrsg.), Die vielen Gesichter der personzentrierten Psychotherapie (S. 499-512). Wien - New York: Springer. 

 

Rogers, C. (1973 a). Die klientbezogene Gesprächspsychotherapie. München: Kindler (ab 1983: Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. Frankfurt/M.: Fischer (Original 1951: Client-centered therapy. Its current practice, implications, and theory. New York: Houghton Mifflin).

 

Zinschitz, E. (2001). Prä-Therapie- eine Antwort auf eine lange nicht beantwortete Frage. Die Klientzentrierte Psychotherapie in der Arbeit mit psychisch schwer kranken oder geistig behinderten Menschen. Person 5, 1, 44-51.